In vielen Ländern und Kulturen gibt es neben der Esskultur auch die Trinkkultur. Sie ist mit zahlreichen Ritualen verknüpft und kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Zur Trinkkultur gehören neben dem Trinken auch das Zubereiten und Präsentieren von alkoholischen Getränken oder Genussmitteln wie Kaffee und Tee. Häufig bezieht sich die Trinkkultur aber vorwiegend auf Alkohol, da dies noch immer als soziale Interaktion gilt. Mit der Zeit haben sich auch einige Rituale entwickelt. Warum wir Anstoßen, uns zuprosten und andere Trink-Rituale stellen wir Ihnen hier etwas genauer vor.

 

Trinksitten: Warum stoßen wir an? Warum spricht man einen Toast aus?

Es gibt verschiedene Traditionen beim Trinken. Sehr bekannt ist beispielsweise der Toast. Bei einer kurzen Ansprache erklärt eine Person, worauf die Anwesenden trinken. Das kann ein Ereignis sein, aber in den meisten Fällen trinkt man auf eine anwesende oder abwesende Person. Vor allem bei Festen hält jemand den „Toast“ und fordert die restlichen Gäste auf, die Gläser zu erheben. Anschließend trinken alle gemeinsam.

Die Redewendung „einen Toast aussprechen“ stammt übrigens aus dem England des 19. Jahrhunderts. Englische Lords gaben ein Stück geröstetes Brot in das Weinglas, damit dieser besser schmeckt.

Woher kommt das Anstoßen?

Häufig stoßen Freunde, Verwandte und Bekannte in geselliger Runde miteinander an. Um den Ursprung vom Anstoßen ranken sich verschiedene Theorien. Am weitesten verbreitet ist die These, dass der Brauch noch aus dem Mittelalter stammt. Damals ermordeten viele Menschen ihre Feinde oder Rivalen mit Gift. In der Gruppe stieß man dann die Becher kräftig zusammen, sodass der Inhalt überschwappte und sich mit dem Getränk des Gegenübers vermischte. Trank einer der Runde nicht mit, war Vorsicht geboten. Besonders Könige und andere Herrscher benötigten diese. Zusätzlich schützten sie sich auch mit einen Vorkoster, der aus dem Kelch trinken musste, vor Giftmord.

Eine andere Theorie stammt vom reichen Bürgertum des 16. Jahrhunderts. Tischmanieren und Etiketten bildeten sich. Ein Zeichen des Wohlstands war es, dass jeder Gast sein eigenes Glas hatte. Um dies zu feiern stieß die Runde lautstark an. Es kann aber auch sein, dass diese Trinksitte bereits in der Antike durchgeführt wurde. Mit dem Klirren wollten sie böse Geister und Dämonen vertreiben.

Das Zutrinken und „Wettsaufen“

William Hogarth: A Midnight Modern Conversation (Public Domain)

Das Zutrinken gehört zu den ältesten Trinkbräuchen. Bereits im Alten Testament ist von diesem Ritual die Rede. Seit Alkohol zur Kultur gehört, gibt es in mehr oder weniger großem Umfang Rituale, mit denen Feiernde das Zusammenkommen feiern.

In früheren Kulturen tranken die Menschen, weil sie meinten, dass die Götter dabei zu ihnen sprechen würden. Zuerst widmeten sie das Zutrinken den Göttern, bald den Verstorbenen und folgend auch den Lebenden. So entstand der Brauch, der schließlich immer weniger mit Religion und Spiritualität zu tun hatte. Das Ritual wurde jedoch ein wichtiger sozialer Aspekt, weshalb ein Getränk nicht abgelehnt werden durfte.

Während des Trinkgelages konnten sich die Männer nicht zurückziehen, da dies als Beleidigung zählte und sie dann mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen rechnen mussten – bis hin zu Angriffen und Totschlag. So tranken sie bis zur Grenze der Bewusstlosigkeit, um ihre Stärke zu demonstrieren. Teilweise mussten Diener für Ihre Herren beim Zutrinken einspringen. Viel hing von der Sitte ab: neben Ruhm, Ehre und Kränzen erhielten die Teilnehmer Titel, Ländereien, Schlösser und sogar Ehefrauen und Geliebte. Teilweise hielten sich diese „Wetttrink-Rituale“ bis weit ins 18. Jahrhundert. In der Zeit entstand ebenfalls der Ausspruch „betrunken wie ein Lord“, da in Englands besserer Gesellschaft lange der als wichtig erkannt wurde, der viel Alkohol vertrug. Bei Frauen wurde die Enthemmung durch Alkoholkonsum hingegen eher kritisch betrachtet.

Bis heute gibt es vielerorts sogenannte Trinkgelage. Anlässe sind dabei häufig Feiern wie ein Junggesellenabschied, ein gemeinsamer Party-Ausflug oder Zusammenkünfte beim Vatertag. Im deutschsprachigen Raum ist die heutige Form des Zutrinkens seit dem 18. Jahrhundert nachzuweisen. Dazu sagen die Trinkenden Formeln wie „Prost“ oder „zum Wohl“. Heute stoßen Gäste häufig nach einer kurzen Ansprache auch miteinander an, vorzugsweise mit Wein- oder Sektgläsern.

 

Anstoßen und andere Trink-Bräuche in anderen Ländern

Die Regeln beim Anstoßen sind in Deutschland recht einfach: die Anstoßenden müssen sich in die Augen schauen, sonst drohen ihnen sieben Jahre Unglück. Außerdem dürfen die Teilnehmer nicht über Kreuz anstoßen. Andere Länder, andere Sitten – auf Reisen werden Ihnen einige Besonderheiten beim gemeinsamen Trinken auffallen, die Sie beherzigen sollten.

Die feierwütigen Engländer schmeißen beispielsweise teilweise in Pubs ihr Pint-Glas hinter sich oder gegen die Wand. Das soll Glück bringen. Extra dafür soll es nun bruchsichere Gläser mit Spezialbeschichtung geben, die für eine geringere Verletzungsgefahr sorgen.

Trinksitten in Südeuropa

In Spanien stoßen die Menschen fast immer nur nach einem kurzen Trinkspruch oder einer längeren Ansprache an. Sehr beliebt ist der Ausspruch “Arriba, abajo, al centro y pa’ dentro”. Die Trinkenden führen dabei ihr Glas zuerst nach oben, dann nach unten, anschließend zur Mitte und erst danach dürfen sie trinken.

Die abergläubischen Italiener setzen ihr Glas nach dem Zuprosten auf dem Tisch ab. Das soll sie vor Unglück bewahren. Und apropos Glas: in der Silvesternacht werfen viele Italiener Geschirr und Gläser aus dem Fenster, damit sie im neuen Jahr Glück haben.

So trinkt man in Osteuropa

Bei einer polnischen Feier spricht zuerst der Gastgeber einen Toast, erst dann dürfen die Gäste trinken. Bei einer Hochzeitsfeier trinkt das Brautpaar zudem aus miteinander verbundenen Gläsern, die für die Verbindung stehen. Nachdem sie den Sekt ausgetrunken haben, werfen beide ihr Glas sofort über die Schulter nach hinten. Wenn das Glas der Braut zuerst zerbricht, wird – so sagt man – das erste Kind ein Mädchen. Zerbricht das des Mannes vorher, soll es ein Junge werden.

Was übrigens hier als normal gilt, sollten Sie in Ungarn aus historischen Gründen auf keinen Fall machen: Anstoßen. 1894 feierten die Henker nach der Hinrichtung mehrerer Generäle gemeinsam. Der Auftrag dafür kam von Kaiser Franz Joseph I. Wenn Ungarn anstoßen, dann sagen sie dazu „Haynau soll sterben“. Haynau war der Militärbefehlshaber, der für die Hinrichtungen zuständig war. Den ersten Toast spricht der Gastgeber.

Auch in Russland gibt´s kein Anstoßen ohne (möglichst ausführlichen) Toast. Der Spruch „Na sdarowje“ ist jedoch falsch übernommen, die Russen sagen „Sa sdarowje“. Ist das Glas in der linken Hand stoßen sie auf die Liebe an. Nur bei Trauerfeiern wird auf das Anstoßen verzichtet. Dass die Russen beim Trinken die Gläser an der Wand zerschmettern ist übrigens nicht so weit verbreitet, wie wir glauben. Das Sprichwort „Scherben bringen Glück“ gibt es natürlich auch bei den abergläubischen Russen. Die Ausschweifungen, bei denen die Gläser zerstört werden sollen, können sich aber auch nicht alle leisten.

In Georgien gibt es einen Tischmeister („tamada“), der dafür sorgt, dass die Gäste ihre Trinksprüche aufsagen. Diese sollten im besten Fall niveauvoll sein, was zu einem intellektuellen Wettstreit ausarten kann. Bei kleinen Feiern ist der Gastgeber der tamada, bei Hochzeiten und anderen Großereignissen sucht ihn der Gastgeber aus.

 


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